Samstag, 9. Oktober 2010

Staubige Straßen

Auf dem Tisch steht ein Sixpack. Ein Würfelteller und ein Haufen Papier liegt zwischen zwei schmalen Büchern. "Du fängst an." "Ok,... du hast die Nacht in der ersten Kneipe zugebracht, die dir zwergisches Bier servierte. Anschließend hat man dich vor die Tür geschmissen, jetzt liegst du auf der Straße." - "Wie, ich habe mir nicht auch gleich ein Zimmer genommen?" - "Nicht nachdem du dem Wirt die Einrichtung demoliert hast. Du bist jetzt zwanzig Dukaten leichter." - "Nene, auf solche Tricks falle ich nicht rein. Ich streich mir doch keine zwanzig Dukaten ab für etwas, das ich nicht getan habe!" "Fein, dann eben nicht. Also...

Kilwn hielt inne und verschnaufte. Ein Blick zurück. Niemand folgte ihm. "Puh, körperliche Betätigung am frühen Morgen bekommt mir gar nicht." Aber die Welt scherte sich nicht um die Probleme der jungen Gestalt und drehte sich gemächlich weiter. So früh nach Sonnenaufgang war wenig los auf der Straße, schon gar nicht in dieser Gasse. Alles andere hätte ihn auch gewundert - schließlich befand er sich im nordöstlichen Teil der Stadt. Dort wohnten nur eingebildete Schnösel mit zu viel Geld und hohen Gittern vor den Häusern. Die Gitter waren meist kein Problem. Eher die Wachen und das verwöhnte Gesinde, das oft bis in die Nacht wach war, um sich mit billigen Schnaps das Leben zu versüßen. Kilwn rümpfte die Nase. Da war sein Beruf doch besser, edler und vor allem aufregender.
Kilwn schaute sich zum ersten Mal um. Vor seinen Füßen regte sich etwas. Das grau-braune Bündel, das eben noch aussah wie ein pelziger Haufen Altmetall regte sich und begann zu grunzen. Kilwn kam eine Idee.
"Hey, Meister Braunbart! Wacht auf," rief er dem Bündel zu. Langsam kam der Zwerg in Bewegung, griff nach seiner Streitaxt und fluchte, als diese sich nicht am vorgesehen Ort befand. Auf seinen Schild gestützt richtete der Zwerg sich auf und begann auch gleich, seine Habseligkeiten, die über die komplette Gasse verstreut lagen, einzusammeln.
"Ihr seid doch ein Krieger, oder?" begann Kilwn und verzog ein wenig die Nase. Dieser Zwerg stank penetrant nach Alkohol.
"Was kümmert's dich, Bursche." erwiderte Braunbart mit belegter Zunge. (Das war zwar nicht der Name des Zwergs, aber Kilwn fand den Namen witzig.)
"Ich, äh..."
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Gasthauses hinter dem Zwerg und ein großer, rotgekleideter Mann mit langem, weißem Bart trat heraus. Er sprach die beiden an: "Ah, wie ich sehe, seid ihr euren Häschern entkommen, junger Lowa. Das hier ist für euch."
Kilwn Lowa nahm das Papier entgegen und betrachtete es. Darauf war sein Bild, mit dem Hinweis 'Kilwn Lowa gesucht wegen Mord, Raub, Streunerei, Einbruch und Herzensbruch, Kopfgeld 30 Dukaten'. Kilwn zuckte zusammen. Er schaute den weißbärtigen Mann fragend an, stellte dann aber fest, dass er lediglich ein Stückchen Luft anstarrte. Der Mann war verschwunden. "Magier," dachte Kilwn, "pfff." Und was sollte er nun mit diesem Wisch anfangen? Auf der Rückseite befanden sich zwei kurze Hinweise: Verschwindet! und Denkt an Euren Vater.
Der Zwerg war mittlerweile vollständig zu sich gekommen und beugte sich neugierig über das Blatt.
"Gut getroffen," er deutete auf das Bild. "Was habt ihr denn angestellt?"
"Nichts. Ich bin vollkommen unschuldig! Ich meine, zumindest das meiste."
"Aha. Na raus mit der Sprache - oder muss ich es aus euch raus prügeln?"
"Naja, wisst ihr, ich bin - war - ein Auftragnehmer der Lady von Neidrach. Im Beschaffungsgewerbe, wenn ihr wisst, was ich meine."
"Ihr wart ein Einbrecher."
"Manchmal zumindest. Was die Lady verlangte, kann man auch meist auf der Straße kaufen, wenn man die richtigen Leute kennt."
"Und warum will sie jetzt euren Kopf?"
"Naja, sie wollte mich zu einem ihrer ständigen Diener machen. Sie wollte mich befördern."
"Hört sich nicht so schlimm an. Warum habt ihr gekündigt?"
"Ich hätte umschulen müssen - zum Horizontalen Gewerbe."
Der Zwerg brach in schallendes Gelächter aus.
Kilwn schmollte: "Die alte Schachtel war echt kein Augenschmaus. Ich stand ja schon kurz vor einem Nervenzusammenbruch, als sie mich in einem durchsichtigen Seidenkleidchen begrüßte. Und dann das..." Er schüttelte sich vor Grauen.
"Schon gut," grinste der Zwerg, "und was wollt ihr von mir?"
Immer diese komischen Gespräche zum Beginn des Abenteuers, dachte Kilwn, können wir nicht einfach einmal direkt loslegen?
"Ich möchte, dass ihr mich aus der Stadt bringt und mich begleitet. Mein Vater hat Geld - er wird euch belohnen."
Bei dem Wort 'Geld' wurden die Augen des Zwergs heller. "Über wie viel Geld sprechen wir hier?"
"Ähh... 50 Dukaten...?"
Der Zwerg packte Kilwn unsanft am Arm und zog ihn die Straße entlang.
"Gehen wir."
"Aber...! Das Haus meines Vaters liegt in die andere Richtung..."

...Raucherpause?" - "Jo, haste Tabak?" - "Klar. Aber hier drin können wir nicht rauchen. Lass vor die Tür gehen."
Nächster Teil.

2 Kommentare:

  1. Sehr gelungene Sprache und ein schöner Anfang für eine Geschichte!

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  2. Danke sehr! Hoffen wir, dass daraus mehr wird.

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