"Hast du 'Ausweichen' als Talent gewählt?" - "Bekomme ich das nicht automatisch? Es steht zumindest nicht hier auf dem Zettel... öhm. Mist."
Die Säurefalle brannte wie ein Höllenfeuer in seinen Augen. Kilwn griff nach seinem Beutel. Er hatte weder Wasser, noch ein Gegenmittel dabei. Wütend unterdrückte er einen Fluch. Unter Tränen öffnete er die Augen. Verschwommen konnte er den Umriss der Kiste erkennen. Er fasste hinein. Drei Beutel befanden sich darin, sowie eine Menge Papier. So gut es in seinem Zustand ging untersuchte er die Beutel. Runde, schwere Metallstücke befanden sich darin. Münzen. Deswegen war er ja her gekommen. Kilwn packte die Beutel ein und verschloss die Truhe wieder. Zufrieden stellte er fest, dass ihn die Falle nicht seine anderen körperlichen Fähigkeiten gekostet hatte. Auf leisen Sohlen machte er sich wieder auf den Weg nach draußen. An der Tür zum Garten hielt er inne. Hinaus spähen und versuchen, dem Gärtner zu entwischen war mit diesen Augen keine Option. So schnell wie möglich rannte er auf die nahe Hauswand des Gesindehauses zu und schwang sich hinauf.
"Du willst ohne etwas zu sehen klettern?" - "Hey, ich konnte sogar Beutel und Münzen erkennen. Ich werde mich doch noch an einem Balken hochziehen können."
Auf dem Dach hatte er endlich Gelegenheit zu verschnaufen. Flach auf die Schindeln gepresst wartete er darauf, dass sein Augenlicht zurückkehrte. Unter ihm wurde der Hof geschäftiger. Offenbar waren die Herrschaften mittlerweile ebenfalls aufgestanden.
Draußen vor dem Tor stand der Zwerg nunmehr als einziger weiterhin aufrecht. Die beiden Wächter hatten sich schließlich doch dem Angebot nachgegeben und vom Zwergenschnaps gekostet. Mit ein bisschen sticheln und ein bisschen prahlen hatte es Braunbart schließlich geschafft, einen früh morgendlichen Trinkwettbewerb auszurufen und zu gewinnen. Mit der Pose eines Siegers stand er nun auf den beiden betäubten Wachen, den Fuß auf dem Helm des Jungen.
Fasziniert schaute der Zwerg nun Kilwn zu, der auf dem Dach des Gesindehauses herumturnte. Vom Tor aus hatte er einen guten Blick auf den Hof. Dort stand im Moment nur die Schubkarre des Schmiedegesellen. Er sah, wie Kilwn vom Dach sprang, wenig elegant auf dem Pflaster landete und mit schnellen Schritten auf ihn zu lief. Der Geselle trat mit einer Schaufel voller Kohlen aus einer Kelleröffnung. Mit offenem Mund starrte er dem Einbrecher nach, der sich eben mit einem schwungvollen Satz über das Tor gerettet hatte.
"Hey, ihr da! Halt!", dröhnte der Geselle. Aber die beiden Abenteurer hatten schon die Beine in die Hand genommen und waren in Richtung Nordtor verschwunden.
Auf halben Weg zum Tor legten sie eine Verschnaufpause ein. Kilwn wischte sich die Tränen aus den Augen und fluchte nun herzhaft. "Dann wollen wir mal sehen, was Vati uns hinterlassen hat," sagte er und öffnete sein Bündel. "Mir scheint, ihr seid ihm Hause eures Vaters nicht gerade willkommen," bemerkte der Zwerg, "das Geld hat er euch wohl nicht freiwillig gegeben, was?" Kilwn fasste sich kurz: "Ich bin vor einigen Jahren von daheim abgehauen. Als Bastard hat man vom Leben nichts zu erwarten. Die Straße war besser als sich täglich von seinen Halbgeschwistern und vom Gesinde das Leben zu Hölle machen zu lassen." Er deutete auf seine spitzen Ohren. "Auf der Straße schert sich niemand um einen Halbelf." Er spuckte und fluchte. Außerdem machen sie dir das Leben am Hof gleich zweimal so schwer, dachte er. Weder Adliger, noch Gesinde; weder Mensch, noch Elf. Noch einmal schaute er in die Beutel und stellte enttäuscht fest, dass nur einer Goldstücke enthielt. Er zählte sie und drückte dann dem Zwerg den kompletten Beutel in die Hand. "Dreißig an der Zahl. Den Rest werde ich euch schuldig bleiben müssen. Habt ihr ein Linderungsmittel für die Augen?" Der Zwerg nickte, kramte im Rucksack und holte eine kleine Phiole hervor. Die Tropfen brannten ebenfalls kurz, als Kilwn sie sich vorsichtig in die roten Augen träufelte. Doch dann machte sich ein wohliges Gefühl breit. Und die Schlieren verschwanden aus seiner Sicht. Er blinzelte in ein unbekanntes Gesicht.
"Ah, hier seid ihr." Eine hochgewachsene Gestalt in leichter Rüstung stand vor ihnen und nahm gerade ihren schwarzen Mantel ab. "Phex zum Gruße, Kilwn Lowa. Auch ihr solltet euren Mantel abnehmen. Die Stadtwache sucht nach einem eben solchen." Verwirrt schälte sich Kilwn aus seinem Mantel und wandte sich an den Fremden: "Und wer bitte seid ihr?"
"Mein Name ist Skip, aber eigentlich ist das nicht so wichtig."
"Nun, Skip. Was wollt ihr denn?"
"Das selbe wie ihr, mein Freund. Ich möchte aus der Stadt."
Kilwn schaute zum Zwerg. Dieser zuckte mit den Schultern. Noch bizarrer konnte dieser Morgen wohl kaum werden. Also konnten sie sich auch von diesem Fremden aus der Stadt helfen lassen.
Er musterte Skip und meinte: "Also gut, gehen wir."
Am Tor wurden sie von den Wachen aufgehalten. Nach einigem Hin und Her, Drohungen und Finger die abwechselnd auf Kilwn und auf seinen Steckbrief deuteten, zog Skip schließlich ein Dokument mit amtlichen Siegel aus der Tasche. Der Freibrief eines Diplomaten.
"Woher hast du so etwas!?" - "Tja, ich bin eben Agent und persönlicher Wächter des größten Adelshauses in Al'Anfa." Kopfschütteln. "Na fein, die Wachen lassen euch gehen."
"So, das hätten wir hinter uns.", bemerkte Kilwn. "Wohin jetzt?"
"So, das hätten wir hinter uns.", bemerkte Kilwn. "Wohin jetzt?"
"Ihr könnt nach Norden ziehen. Dort gibt es einen größeren See mit einem legendären Monster, und dahinter beginnt das Reich der Elfen.", erklärte Skip.
"Einen Drachen jagen?", polterte Braunbart erfreut. "Genau meine Kragenweite!"
"Drachen...", murmelte Kilwn. "Das waren die Biester mit den großen Tatzen und dem braunen Fell, nicht?"
Ende des ersten Teils.