Sonntag, 17. Oktober 2010

Staubige Straßen (iv)

Es musste die Vorletzte in diesem Gang sein. Das Arbeitszimmer konnte eigentlich nur hinter dieser Tür stecken. Kilwn schätzte das anhand der Position des Fensters draußen im Garten. Aber er konnte sich auch irren. Er holte Luft und wirkte seine Einbrechermagie. Leise knackte das Schloss als er Stift um Stift in Position schob. Klack. Vorsichtig öffnete er die Tür und trat ins Innere. Er hatte richtig geraten - vor ihm lag das helle Arbeitszimmer. Am Fenster stand die Truhe. Sie war neu, sehr neu. Keine Kratzer am Verschluss, keine Flecken auf dem Deckel und kein Staub. Kilwn seufzte. Das könnte ja heiter werden. Wieder setzte er die Klammer an und begann mit den Draht im Schloss herum zu stochern. Mit einem Klackern schnappte der Verschluss auf. Kilwn fühlte seine Haut prickeln als er den Deckel öffnete und grinste. Welch aufregender Morgen! »ZISCH!«

"Hast du 'Ausweichen' als Talent gewählt?" - "Bekomme ich das nicht automatisch? Es steht zumindest nicht hier auf dem Zettel... öhm. Mist."

Die Säurefalle brannte wie ein Höllenfeuer in seinen Augen. Kilwn griff nach seinem Beutel. Er hatte weder Wasser, noch ein Gegenmittel dabei. Wütend unterdrückte er einen Fluch. Unter Tränen öffnete er die Augen. Verschwommen konnte er den Umriss der Kiste erkennen. Er fasste hinein. Drei Beutel befanden sich darin, sowie eine Menge Papier. So gut es in seinem Zustand ging untersuchte er die Beutel. Runde, schwere Metallstücke befanden sich darin. Münzen. Deswegen war er ja her gekommen. Kilwn packte die Beutel ein und verschloss die Truhe wieder. Zufrieden stellte er fest, dass ihn die Falle nicht seine anderen körperlichen Fähigkeiten gekostet hatte. Auf leisen Sohlen machte er sich wieder auf den Weg nach draußen. An der Tür zum Garten hielt er inne. Hinaus spähen und versuchen, dem Gärtner zu entwischen war mit diesen Augen keine Option. So schnell wie möglich rannte er auf die nahe Hauswand des Gesindehauses zu und schwang sich hinauf.

"Du willst ohne etwas zu sehen klettern?" - "Hey, ich konnte sogar Beutel und Münzen erkennen. Ich werde mich doch noch an einem Balken hochziehen können."


Auf dem Dach hatte er endlich Gelegenheit zu verschnaufen. Flach auf die Schindeln gepresst wartete er darauf, dass sein Augenlicht zurückkehrte. Unter ihm wurde der Hof geschäftiger. Offenbar waren die Herrschaften mittlerweile ebenfalls aufgestanden.

Draußen vor dem Tor stand der Zwerg nunmehr als einziger weiterhin aufrecht. Die beiden Wächter hatten sich schließlich doch dem Angebot nachgegeben und vom Zwergenschnaps gekostet. Mit ein bisschen sticheln und ein bisschen prahlen hatte es Braunbart schließlich geschafft, einen früh morgendlichen Trinkwettbewerb auszurufen und zu gewinnen. Mit der Pose eines Siegers stand er nun auf den beiden betäubten Wachen, den Fuß auf dem Helm des Jungen.
Fasziniert schaute der Zwerg nun Kilwn zu, der auf dem Dach des Gesindehauses herumturnte. Vom Tor aus hatte er einen guten Blick auf den Hof. Dort stand im Moment nur die Schubkarre des Schmiedegesellen. Er sah, wie Kilwn vom Dach sprang, wenig elegant auf dem Pflaster landete und mit schnellen Schritten auf ihn zu lief. Der Geselle trat mit einer Schaufel voller Kohlen aus einer Kelleröffnung. Mit offenem Mund starrte er dem Einbrecher nach, der sich eben mit einem schwungvollen Satz über das Tor gerettet hatte.
"Hey, ihr da! Halt!", dröhnte der Geselle. Aber die beiden Abenteurer hatten schon die Beine in die Hand genommen und waren in Richtung Nordtor verschwunden.

Auf halben Weg zum Tor legten sie eine Verschnaufpause ein. Kilwn wischte sich die Tränen aus den Augen und fluchte nun herzhaft. "Dann wollen wir mal sehen, was Vati uns hinterlassen hat," sagte er und öffnete sein Bündel. "Mir scheint, ihr seid ihm Hause eures Vaters nicht gerade willkommen," bemerkte der Zwerg, "das Geld hat er euch wohl nicht freiwillig gegeben, was?" Kilwn fasste sich kurz: "Ich bin vor einigen Jahren von daheim abgehauen. Als Bastard hat man vom Leben nichts zu erwarten. Die Straße war besser als sich täglich von seinen Halbgeschwistern und vom Gesinde das Leben zu Hölle machen zu lassen." Er deutete auf seine spitzen Ohren. "Auf der Straße schert sich niemand um einen Halbelf." Er spuckte und fluchte. Außerdem machen sie dir das Leben am Hof gleich zweimal so schwer, dachte er. Weder Adliger, noch Gesinde; weder Mensch, noch Elf. Noch einmal schaute er in die Beutel und stellte enttäuscht fest, dass nur einer Goldstücke enthielt. Er zählte sie und drückte dann dem Zwerg den kompletten Beutel in die Hand. "Dreißig an der Zahl. Den Rest werde ich euch schuldig bleiben müssen. Habt ihr ein Linderungsmittel für die Augen?" Der Zwerg nickte, kramte im Rucksack und holte eine kleine Phiole hervor. Die Tropfen brannten ebenfalls kurz, als Kilwn sie sich vorsichtig in die roten Augen träufelte. Doch dann machte sich ein wohliges Gefühl breit. Und die Schlieren verschwanden aus seiner Sicht. Er blinzelte in ein unbekanntes Gesicht.

"Ah, hier seid ihr." Eine hochgewachsene Gestalt in leichter Rüstung stand vor ihnen und nahm gerade ihren schwarzen Mantel ab. "Phex zum Gruße, Kilwn Lowa. Auch ihr solltet euren Mantel abnehmen. Die Stadtwache sucht nach einem eben solchen." Verwirrt schälte sich Kilwn aus seinem Mantel und wandte sich an den Fremden: "Und wer bitte seid ihr?" 
"Mein Name ist Skip, aber eigentlich ist das nicht so wichtig."
"Nun, Skip. Was wollt ihr denn?"
"Das selbe wie ihr, mein Freund. Ich möchte aus der Stadt."
Kilwn schaute zum Zwerg. Dieser zuckte mit den Schultern. Noch bizarrer konnte dieser Morgen wohl kaum werden. Also konnten sie sich auch von diesem Fremden aus der Stadt helfen lassen.
Er musterte Skip und meinte: "Also gut, gehen wir."

Am Tor wurden sie von den Wachen aufgehalten. Nach einigem Hin und Her, Drohungen und Finger die abwechselnd auf Kilwn und auf seinen Steckbrief deuteten, zog Skip schließlich ein Dokument mit amtlichen Siegel aus der Tasche. Der Freibrief eines Diplomaten.

"Woher hast du so etwas!?" - "Tja, ich bin eben Agent und persönlicher Wächter des größten Adelshauses in Al'Anfa." Kopfschütteln. "Na fein, die Wachen lassen euch gehen."

"So, das hätten wir hinter uns.", bemerkte Kilwn. "Wohin jetzt?"
"Ihr könnt nach Norden ziehen. Dort gibt es einen größeren See mit einem legendären Monster, und dahinter beginnt das Reich der Elfen.", erklärte Skip.
"Einen Drachen jagen?", polterte Braunbart erfreut. "Genau meine Kragenweite!"
"Drachen...", murmelte Kilwn. "Das waren die Biester mit den großen Tatzen und dem braunen Fell, nicht?"

Ende des ersten Teils.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Staubige Straßen (3)

RATSCH! Ein stählerner Dorn des Zauns zerriss Kilwns feine Hose. Ungelenk verlor er den Halt und stürzte über die Hecke. Kilwn rieb sich das Knie und schaute sich um. Er war weich gelandet. Unter ihm hatte ein Blumenbeet seine Schönheit eingebüßt und zierte nun den Abdruck seines Hinterns. Der Vorgarten selbst war mit niedrigen Hecken bepflanzt, durch welche sich schmale Kieswege schlängelten. Zumindest das hatte sich nicht groß geändert, seit er das letzte Mal hier war. Zu seiner rechten lagen hinter Blumen und Hecken der Haupteingang zum Haus, das Gesindehaus und die Schmiede. Alles sah aus wie damals, als er das Haus seines leiblichen Vaters im Zorn verlassen hatte. Er machte sich nun linkerhand auf den Weg hinters Haus und hielt sich eng an die niedrigen Hecken.

"Mach mal einen Intelligenzwurf." Klacker. "Du bist felsenfest davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, sich hinter kniehohen Hecken verstecken zu wollen, obwohl man dich jederzeit aus den oberen Stockwerken beobachten kann." - "Na toll."

Glücklicherweise war in den oberen Stockwerken niemand wach und Kilwn erreichte den hinteren Garten unbehelligt. Dort war das Arbeitszimmer seines Vaters, das große Fenster, das den ganzen Bereich überblickte. Kilwn spähte hindurch. Die Kiste mit Vaters Wertsachen stand nicht mehr an ihrem alten Ort und auch die Kiste selbst war neuer. Kilwn atmete auf. Auch diese Kiste hatte nur ein einzelnes Schloss, sollte also durchaus zu knacken sein. Aber zunächst brauchte er Werkzeug. Bei seinen übereilten Aufbruch hatte Kilwn keine Zeit gehabt, sich groß umzuziehen. Unter seinem Mantel trug er noch immer die höfische Kleidung der Neidrachs und sein Bündel enthielt neben seinen Waffen nur ein langes Stück Seil mit Wurfhaken. Er schnallte sich den Langdolch auf den Rücken und hoffte inständig, dass er ihn heute nicht benutzen werde müssen. Sein Seil befestigte er am Gürtel. Er fluchte. Sein gutes Einbrecherwerkzeug mit den feinen Dietrichen lag natürlich noch bei der Lady. Nach jedem nächtlichen Streifzug hatte er die lederne Mappe wieder abgeben müssen. Sie jetzt holen zu gehen stand ausser Frage. Er überlegte.

"Auf der anderen Seite steht ja die Schmiede, dort finde ich doch bestimmt Werkzeug." - "Schon möglich." - "Erreiche ich die besser übers Dach oder durch den Stall?" - "Das ist deine Entscheidung."

Kilwn huschte hinüber zum Gesindehaus und spähte durch ein Fenster. Die Mädge, deren Kinder und der Schmied saßen beim Frühstück. Ein seltsames Gefühl überkam ihn, während er sich erinnerte: damals hatte auch er an diesem Tische gesessen. Er wusste nicht, wie groß das Gesinde war, aber es hielt es für unwahrscheinlich, dass jemand das Frühstück verpasste. So machte er sich geschwind auf den Weg durch den Stall. Er huschte vorsichtig an den Ställen vorbei. Hier und da streckte sich ihm ein Nüstern vertraulich entgegen. Dass die Tiere ihn noch kannten... Durch die schwere Holztüre erreichte er die Schmiede. Diese bestand eigentlich nur aus einem Vordach, unter dem Esse, Amboss und Werkbank untergebracht waren. Kilwn begann zu suchen. Einen kleinen Hammer hatte er schnell gefunden. Von einer Rolle zwackte er sich ein langes Stück Draht ab. Jetzt brauchte er noch ein flaches Stück Metall. Er fand eine Schachtel mit langen Bolzen und steckte einen ein. Aber für das Schloss bräuchte er etwas flacheres. Wie eine Haarklammer.

"Wo finde ich denn in dem Haus eine Haarklammer? Hatten die Mägde hochgestecktes Haar?" - "Die Mägde hatten Kopftücher auf." - "Du verarschst mich doch! Jede einzelne?"

Kilwn beschloss, es trotzdem im Schlaufraum der Mädchen zu versuchen. Er huschte wieder in den Stall zurück. Kaum hatte er die Tür zur Schmiede hinter sich geschlossen, trat der Gärtner in den Stall und begann dort seine Stiefel anzuziehen. Kilwn, eng an ein Pferd geschmiegt, wartete. Doch der Gärtner machte keine Anstalten, seinen Schemel zu verlassen. Jetzt inspizierte er Schere und Schaufel, mit einer Gründlichkeit als ob das Schicksal der Welt dran hinge, ob heute zuerst gejätet oder geschnitten würde. Kilwn blickte zum Dachstuhl. Hinausklettern konnte er aus diesem Stall wohl nicht. Er blickte zurück zur Tür von der er gekommen war. Flink huschte er wieder hinaus in die Schmiede und beeilte sich, von dort aufs Dach zu kommen. Keine Sekunde zu früh, denn unter ihm hörte er, wie gerade die Tür des Gesindehauses ins Schloss fiel. Mit schweren Schritten begann unten im Hof der Geselle sich an der Schmiede zu schaffen zu machen.
Mit vorsichtigen Schritten näherte Kilwn sich nun dem Dachfenster des Frauenschlafzimmers. Es war zum Lüften geöffnet - ausgezeichnet. Kilwn befestigte das Wurfseil an einem Dachstuhl und schlüpfte durch den Fensterspalt ins Zimmer. Behände seilte er sich ab: "Mentale Notiz: Unbedingt noch Handschuhe besorgen." Mit einem reflexartigen Schritt wich er einem Nachttopf aus, der unter dem Fenster platziert war und schaute sich im Zimmer um. Eine Haarklammer lag wie für ihn gedacht direkt auf einem Tischchen neben einer großen Büchse. Er steckte die Klammer ein und griff neugierig nach dem Behältnis. Der Deckel klemmte. Er ruckte stärker daran. Mit einem Scheppern löste sich der Deckel und flog ihm aus der Hand. Der Inhalt der Büchse - noch mehr Haarklammern - flog durchs Zimmer. Kilwn unterdrückte einen Fluch und stellte die Büchse wieder zurück. Die Stimmen im Nebenzimmer wurden lauter. Kilwn sah es an der Zeit, zu verschwinden.

Wieder auf dem Dach stellte er fest, dass der Gärtner mittlerweile seine Arbeit aufgenommen hatte und an den Hecken herumschnippelte. Ob er da ungesehen vorbei kam? Er betrachtet die Hausfassade. Direkt auf seiner Höhe und vom Dach des Gesindehauses erreichbar lag ein Fenster. Es war geschlossen. Kilwn rüttelte vorsichtig am Rahmen. So würde er sicher nicht ins Haus kommen. Unter ihm öffnete sich die Tür zum Haupthaus und eine junge Frau schritt durch den Garten und verschwand unter ihm im Gesindehaus. Wie eine Einladung lies sie die Tür zum Haupthaus ein Stück offen stehen. Mehr als diese Aufforderung brauchte Kilwn nicht. Schnell war er vom Dach herunter geklettert und verschwand geräuschlos im Haus.

"Und der Gärtner hat mich echt nicht gesehen?" - "Du bist ein professioneller Einbrecher. Mensch, hab doch mal ein bisschen vertrauen in deine Fähigkeiten!"


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Staubige Straßen (forts.)

"Falsche Richtung, wie? Wo wohnt denn euer Herr Papa?", grunzte der Zwerg.
Kilwn zeichnete eine imaginäre Karte in die Luft und setzte zum Erklären an. Dann stockte er. Hinter dem Zwerg waren zwei Soldaten der Stadtwache aufgetaucht und bewegten sich träge und mit langsamen Schritten in Richtung der beiden. Kilwn zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und wandte sich ab. Die nackte Angst war ihm in Gesicht geschrieben. Er hatte schon einmal mit der Stadtwache zu tun gehabt, aber noch nie wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt! Und gleich 30 Dukaten!
Die Wachen wurden nun auf den vor Schnaps stinkenden Zwerg aufmerksam. Und dieser auf die Wachen.
"Ich weiß nicht, was ihr von mir wollt. Kann man in dieser Stadt nicht als normaler Zwerg seines Weges gehen? Lehrling! Mitkommen!" Er herrschte Kilwn an und versetzte ihm einen Tritt an den Wachen vorbei: "Beweg dich, du Taugenichts. Die ganze Nacht saufen wie ein Tier und am Morgen zu spät zur Arbeit kommen. Das werde ich dir austreiben. Heute stehst du den ganzen Tag am Amboss!" Braunbart nickte den Wachen zu: "Einen schönen Tag noch, meine Herren. Wir müssen weiter." Damit lies er die Wachen stehen und folgte Kilwn.
Dieser hatte auch schon Boden gewonnen und versuchte sich außerhalb der 'gespielten' Tritte des Zwergs zu halten.
Die Straßen begannen sich zu füllen und auch die Geschäfte links und rechts öffneten die Läden. Die Passanten, allesamt in feine Kleider gehüllt, verzogen das Gesicht, wann immer das ungleiche Paar vorüber schritt. Hier und da wurde das Gemurmel lauter und der immer noch angetrunkene Zwerg fing sich einen Tritt ein. Braunbart trat zurück und blickte in das angsterfüllte Gesicht eines jungen Adligen, welcher sich nun aber rasch davon machte. Unbehelligt erreichten sie einen kleinen Markt, auf dem die ersten Kunden bereits am feilschen waren. Der Zwerg marschierte aufrechten Ganges voran, bis er bemerkte, dass Kilwn stehen geblieben war.

"Wie, er ist stehen geblieben?" - "Naja, du bist gerade an zwei Wachen vorbei weiter die Straße hinauf. Kilwn steht noch in der Mitte des Platzes."

Der Zwerg bemerkte: Während sie über den Platz gewandert waren, hatten sich an allen Ausgängen des Platzes Wachen postiert. Jetzt stand Kilwn mit hilfloser Miene in der Mitte und versuchte, nicht nervös zu wirken. Auf der gegenüber liegenden Seite betraten jetzt noch mehr Wachen mit Zetteln bewaffnet den Platz und begannen mit den Leuten zu sprechen. Braunbart seufzte. Konnte der Einbrecher nicht einfach die Hauswand hochklettern oder so etwas?

"Hm, Kilwn muss also an den Wachen, die zwischen uns stehen, vorbei... Stehen hier irgendwo Kisten?" - "Ja, an einem nahen Hauseingang stehen drei große, gekennzeichnete Lattenkisten. Die gehören wohl jemandem."

Braunbart holte tief Luft und trat eine von den Kisten ein. Die Wachen wurden auf ihn aufmerksam. "Halt - ihr da. Habt ihr den Verstand verloren? Das ist die Lieferung für den Händler Schmitt!" Braunbart grinste: "Oh, das tut mir sehr leid, hier," drückte jeder Wache ein Silberstück in die Hand, "das sollte wohl für den Schaden aufkommen." Verdutzt schauten sich die Wachen an. Dann diskutierten sie darüber, ob sie diesen Vorfall tatsächlich melden sollten. Derweil war Braunbart schon die Straße hinauf und traf dort wieder auf Kilwn, der unbemerkt an den Wachen vorbei gehuscht war.
"Das habt ihr echt gut gemacht!" lobte Kilwn. "Ihr müsst echt reich sein, wenn ihr so mit Geld um euch werft."
Der Zwerg antwortete nicht.
Weiter nördlich, nun auf einer breiten Querstraße, hielt Kilwn wieder inne: "Wir sind fast da, siehst du die Villa dort?" "Die ist wohl kaum zu übersehen," erwiderte Braunbart Sie standen an einer breiten Kreuzung zu einer Straße, an der mehrere große Anwesen standen.
"Auf der anderen Seite dieses Anwesens steht das Haus meines Vaters..."
Hohe Zäune und Hecken schützten vor neugierigen Blicken und Männer in leichter Bewaffnung standen vor jedem Haus. "Das sind die Wächter der Lords und Ladys. Meinst du, sie haben meinen Steckbrief schon gesehen?" frage Kilwn besorgt. Der Zwerg dachte laut nach: "Das sind eine ganze Menge Kerls. Und einige davon tragen auch die Farben der Stadt. Wir gehen besser kein Risiko ein." Er drückte dem Jungen mit grober Geste seinen Schild in die Hand und schnallte einen Topfhelm von seinem Bündel los. Bevor der Junge protestieren konnte, hatte ihm Braunbart den Helm bereits aufgesetzt. "So, ab jetzt bist du mein Knappe." Mit weichen Knien schritt Kilwn voraus und an den Wachen vorbei. Kilwn murrte: "Hättet ihr mich nicht einfach über den Zaun dort werfen können?"

Unbehelligt erreichten sie die andere Seite des Blocks. Hier standen deutlich weniger Wachen, nur ein älterer Herr in Wappenkleidung und ein junger Kerl, der bemerkenswert aufrecht stand und ernst geradeaus starrte. Kilwn deutete auf das Paar: "Das ist der alte Grom, eine Wache meines Vaters. Den Jungen habe ich noch nie gesehen. Ich fürchte Grom würde mich sofort erkennen, wenn ich versuche über den Zaun zu kommen."
"Diese beiden müssen wir also auch ablenken?" Braunbart schnaubte. Er spürte noch immer die Reste vom Bier gegen das innere seines Schädels hämmern und so langsam gingen ihm die Ideen aus. Aber die versprochenen fünfzig Goldstücke durfte man auch nicht vergessen! Er griff in seinen Rucksack und kramte.

Kilwn derweil hatte den klobigen Helm und das Schild abgelegt und sich einen schattigen Beobachtungsort gesucht. Er betrachtete fasziniert, wie der Zwerg mit einer Flasche in der Hand und jovialen Grüßen auf die Wachen zuging. Während der alte Grom sich freundlich mit dem Zwerg unterhielt, schaute sich die junge Wache immer noch aufmerksam um. Dann erhielt die junge Wache einen Stoß von dem Alten. Offenbar nötigte ihn dieser dazu, einmal aus der Flasche zu kosten. Abgelenkt! Kilwn sprintete vorwärts. Wenn er nur schnell genug war, konnte er den Zaun in einem Sprung überwinden. Er erreichte den Zaun und setzte an...

"Gut, dann würfle mal auf Kletterkunst, erschwert um vier."
Würfelklackern.
"Shit."


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Samstag, 9. Oktober 2010

Staubige Straßen

Auf dem Tisch steht ein Sixpack. Ein Würfelteller und ein Haufen Papier liegt zwischen zwei schmalen Büchern. "Du fängst an." "Ok,... du hast die Nacht in der ersten Kneipe zugebracht, die dir zwergisches Bier servierte. Anschließend hat man dich vor die Tür geschmissen, jetzt liegst du auf der Straße." - "Wie, ich habe mir nicht auch gleich ein Zimmer genommen?" - "Nicht nachdem du dem Wirt die Einrichtung demoliert hast. Du bist jetzt zwanzig Dukaten leichter." - "Nene, auf solche Tricks falle ich nicht rein. Ich streich mir doch keine zwanzig Dukaten ab für etwas, das ich nicht getan habe!" "Fein, dann eben nicht. Also...

Kilwn hielt inne und verschnaufte. Ein Blick zurück. Niemand folgte ihm. "Puh, körperliche Betätigung am frühen Morgen bekommt mir gar nicht." Aber die Welt scherte sich nicht um die Probleme der jungen Gestalt und drehte sich gemächlich weiter. So früh nach Sonnenaufgang war wenig los auf der Straße, schon gar nicht in dieser Gasse. Alles andere hätte ihn auch gewundert - schließlich befand er sich im nordöstlichen Teil der Stadt. Dort wohnten nur eingebildete Schnösel mit zu viel Geld und hohen Gittern vor den Häusern. Die Gitter waren meist kein Problem. Eher die Wachen und das verwöhnte Gesinde, das oft bis in die Nacht wach war, um sich mit billigen Schnaps das Leben zu versüßen. Kilwn rümpfte die Nase. Da war sein Beruf doch besser, edler und vor allem aufregender.
Kilwn schaute sich zum ersten Mal um. Vor seinen Füßen regte sich etwas. Das grau-braune Bündel, das eben noch aussah wie ein pelziger Haufen Altmetall regte sich und begann zu grunzen. Kilwn kam eine Idee.
"Hey, Meister Braunbart! Wacht auf," rief er dem Bündel zu. Langsam kam der Zwerg in Bewegung, griff nach seiner Streitaxt und fluchte, als diese sich nicht am vorgesehen Ort befand. Auf seinen Schild gestützt richtete der Zwerg sich auf und begann auch gleich, seine Habseligkeiten, die über die komplette Gasse verstreut lagen, einzusammeln.
"Ihr seid doch ein Krieger, oder?" begann Kilwn und verzog ein wenig die Nase. Dieser Zwerg stank penetrant nach Alkohol.
"Was kümmert's dich, Bursche." erwiderte Braunbart mit belegter Zunge. (Das war zwar nicht der Name des Zwergs, aber Kilwn fand den Namen witzig.)
"Ich, äh..."
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Gasthauses hinter dem Zwerg und ein großer, rotgekleideter Mann mit langem, weißem Bart trat heraus. Er sprach die beiden an: "Ah, wie ich sehe, seid ihr euren Häschern entkommen, junger Lowa. Das hier ist für euch."
Kilwn Lowa nahm das Papier entgegen und betrachtete es. Darauf war sein Bild, mit dem Hinweis 'Kilwn Lowa gesucht wegen Mord, Raub, Streunerei, Einbruch und Herzensbruch, Kopfgeld 30 Dukaten'. Kilwn zuckte zusammen. Er schaute den weißbärtigen Mann fragend an, stellte dann aber fest, dass er lediglich ein Stückchen Luft anstarrte. Der Mann war verschwunden. "Magier," dachte Kilwn, "pfff." Und was sollte er nun mit diesem Wisch anfangen? Auf der Rückseite befanden sich zwei kurze Hinweise: Verschwindet! und Denkt an Euren Vater.
Der Zwerg war mittlerweile vollständig zu sich gekommen und beugte sich neugierig über das Blatt.
"Gut getroffen," er deutete auf das Bild. "Was habt ihr denn angestellt?"
"Nichts. Ich bin vollkommen unschuldig! Ich meine, zumindest das meiste."
"Aha. Na raus mit der Sprache - oder muss ich es aus euch raus prügeln?"
"Naja, wisst ihr, ich bin - war - ein Auftragnehmer der Lady von Neidrach. Im Beschaffungsgewerbe, wenn ihr wisst, was ich meine."
"Ihr wart ein Einbrecher."
"Manchmal zumindest. Was die Lady verlangte, kann man auch meist auf der Straße kaufen, wenn man die richtigen Leute kennt."
"Und warum will sie jetzt euren Kopf?"
"Naja, sie wollte mich zu einem ihrer ständigen Diener machen. Sie wollte mich befördern."
"Hört sich nicht so schlimm an. Warum habt ihr gekündigt?"
"Ich hätte umschulen müssen - zum Horizontalen Gewerbe."
Der Zwerg brach in schallendes Gelächter aus.
Kilwn schmollte: "Die alte Schachtel war echt kein Augenschmaus. Ich stand ja schon kurz vor einem Nervenzusammenbruch, als sie mich in einem durchsichtigen Seidenkleidchen begrüßte. Und dann das..." Er schüttelte sich vor Grauen.
"Schon gut," grinste der Zwerg, "und was wollt ihr von mir?"
Immer diese komischen Gespräche zum Beginn des Abenteuers, dachte Kilwn, können wir nicht einfach einmal direkt loslegen?
"Ich möchte, dass ihr mich aus der Stadt bringt und mich begleitet. Mein Vater hat Geld - er wird euch belohnen."
Bei dem Wort 'Geld' wurden die Augen des Zwergs heller. "Über wie viel Geld sprechen wir hier?"
"Ähh... 50 Dukaten...?"
Der Zwerg packte Kilwn unsanft am Arm und zog ihn die Straße entlang.
"Gehen wir."
"Aber...! Das Haus meines Vaters liegt in die andere Richtung..."

...Raucherpause?" - "Jo, haste Tabak?" - "Klar. Aber hier drin können wir nicht rauchen. Lass vor die Tür gehen."
Nächster Teil.