Sonntag, 10. Oktober 2010

Staubige Straßen (forts.)

"Falsche Richtung, wie? Wo wohnt denn euer Herr Papa?", grunzte der Zwerg.
Kilwn zeichnete eine imaginäre Karte in die Luft und setzte zum Erklären an. Dann stockte er. Hinter dem Zwerg waren zwei Soldaten der Stadtwache aufgetaucht und bewegten sich träge und mit langsamen Schritten in Richtung der beiden. Kilwn zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und wandte sich ab. Die nackte Angst war ihm in Gesicht geschrieben. Er hatte schon einmal mit der Stadtwache zu tun gehabt, aber noch nie wurde ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt! Und gleich 30 Dukaten!
Die Wachen wurden nun auf den vor Schnaps stinkenden Zwerg aufmerksam. Und dieser auf die Wachen.
"Ich weiß nicht, was ihr von mir wollt. Kann man in dieser Stadt nicht als normaler Zwerg seines Weges gehen? Lehrling! Mitkommen!" Er herrschte Kilwn an und versetzte ihm einen Tritt an den Wachen vorbei: "Beweg dich, du Taugenichts. Die ganze Nacht saufen wie ein Tier und am Morgen zu spät zur Arbeit kommen. Das werde ich dir austreiben. Heute stehst du den ganzen Tag am Amboss!" Braunbart nickte den Wachen zu: "Einen schönen Tag noch, meine Herren. Wir müssen weiter." Damit lies er die Wachen stehen und folgte Kilwn.
Dieser hatte auch schon Boden gewonnen und versuchte sich außerhalb der 'gespielten' Tritte des Zwergs zu halten.
Die Straßen begannen sich zu füllen und auch die Geschäfte links und rechts öffneten die Läden. Die Passanten, allesamt in feine Kleider gehüllt, verzogen das Gesicht, wann immer das ungleiche Paar vorüber schritt. Hier und da wurde das Gemurmel lauter und der immer noch angetrunkene Zwerg fing sich einen Tritt ein. Braunbart trat zurück und blickte in das angsterfüllte Gesicht eines jungen Adligen, welcher sich nun aber rasch davon machte. Unbehelligt erreichten sie einen kleinen Markt, auf dem die ersten Kunden bereits am feilschen waren. Der Zwerg marschierte aufrechten Ganges voran, bis er bemerkte, dass Kilwn stehen geblieben war.

"Wie, er ist stehen geblieben?" - "Naja, du bist gerade an zwei Wachen vorbei weiter die Straße hinauf. Kilwn steht noch in der Mitte des Platzes."

Der Zwerg bemerkte: Während sie über den Platz gewandert waren, hatten sich an allen Ausgängen des Platzes Wachen postiert. Jetzt stand Kilwn mit hilfloser Miene in der Mitte und versuchte, nicht nervös zu wirken. Auf der gegenüber liegenden Seite betraten jetzt noch mehr Wachen mit Zetteln bewaffnet den Platz und begannen mit den Leuten zu sprechen. Braunbart seufzte. Konnte der Einbrecher nicht einfach die Hauswand hochklettern oder so etwas?

"Hm, Kilwn muss also an den Wachen, die zwischen uns stehen, vorbei... Stehen hier irgendwo Kisten?" - "Ja, an einem nahen Hauseingang stehen drei große, gekennzeichnete Lattenkisten. Die gehören wohl jemandem."

Braunbart holte tief Luft und trat eine von den Kisten ein. Die Wachen wurden auf ihn aufmerksam. "Halt - ihr da. Habt ihr den Verstand verloren? Das ist die Lieferung für den Händler Schmitt!" Braunbart grinste: "Oh, das tut mir sehr leid, hier," drückte jeder Wache ein Silberstück in die Hand, "das sollte wohl für den Schaden aufkommen." Verdutzt schauten sich die Wachen an. Dann diskutierten sie darüber, ob sie diesen Vorfall tatsächlich melden sollten. Derweil war Braunbart schon die Straße hinauf und traf dort wieder auf Kilwn, der unbemerkt an den Wachen vorbei gehuscht war.
"Das habt ihr echt gut gemacht!" lobte Kilwn. "Ihr müsst echt reich sein, wenn ihr so mit Geld um euch werft."
Der Zwerg antwortete nicht.
Weiter nördlich, nun auf einer breiten Querstraße, hielt Kilwn wieder inne: "Wir sind fast da, siehst du die Villa dort?" "Die ist wohl kaum zu übersehen," erwiderte Braunbart Sie standen an einer breiten Kreuzung zu einer Straße, an der mehrere große Anwesen standen.
"Auf der anderen Seite dieses Anwesens steht das Haus meines Vaters..."
Hohe Zäune und Hecken schützten vor neugierigen Blicken und Männer in leichter Bewaffnung standen vor jedem Haus. "Das sind die Wächter der Lords und Ladys. Meinst du, sie haben meinen Steckbrief schon gesehen?" frage Kilwn besorgt. Der Zwerg dachte laut nach: "Das sind eine ganze Menge Kerls. Und einige davon tragen auch die Farben der Stadt. Wir gehen besser kein Risiko ein." Er drückte dem Jungen mit grober Geste seinen Schild in die Hand und schnallte einen Topfhelm von seinem Bündel los. Bevor der Junge protestieren konnte, hatte ihm Braunbart den Helm bereits aufgesetzt. "So, ab jetzt bist du mein Knappe." Mit weichen Knien schritt Kilwn voraus und an den Wachen vorbei. Kilwn murrte: "Hättet ihr mich nicht einfach über den Zaun dort werfen können?"

Unbehelligt erreichten sie die andere Seite des Blocks. Hier standen deutlich weniger Wachen, nur ein älterer Herr in Wappenkleidung und ein junger Kerl, der bemerkenswert aufrecht stand und ernst geradeaus starrte. Kilwn deutete auf das Paar: "Das ist der alte Grom, eine Wache meines Vaters. Den Jungen habe ich noch nie gesehen. Ich fürchte Grom würde mich sofort erkennen, wenn ich versuche über den Zaun zu kommen."
"Diese beiden müssen wir also auch ablenken?" Braunbart schnaubte. Er spürte noch immer die Reste vom Bier gegen das innere seines Schädels hämmern und so langsam gingen ihm die Ideen aus. Aber die versprochenen fünfzig Goldstücke durfte man auch nicht vergessen! Er griff in seinen Rucksack und kramte.

Kilwn derweil hatte den klobigen Helm und das Schild abgelegt und sich einen schattigen Beobachtungsort gesucht. Er betrachtete fasziniert, wie der Zwerg mit einer Flasche in der Hand und jovialen Grüßen auf die Wachen zuging. Während der alte Grom sich freundlich mit dem Zwerg unterhielt, schaute sich die junge Wache immer noch aufmerksam um. Dann erhielt die junge Wache einen Stoß von dem Alten. Offenbar nötigte ihn dieser dazu, einmal aus der Flasche zu kosten. Abgelenkt! Kilwn sprintete vorwärts. Wenn er nur schnell genug war, konnte er den Zaun in einem Sprung überwinden. Er erreichte den Zaun und setzte an...

"Gut, dann würfle mal auf Kletterkunst, erschwert um vier."
Würfelklackern.
"Shit."


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