RATSCH! Ein stählerner Dorn des Zauns zerriss Kilwns feine Hose. Ungelenk verlor er den Halt und stürzte über die Hecke. Kilwn rieb sich das Knie und schaute sich um. Er war weich gelandet. Unter ihm hatte ein Blumenbeet seine Schönheit eingebüßt und zierte nun den Abdruck seines Hinterns. Der Vorgarten selbst war mit niedrigen Hecken bepflanzt, durch welche sich schmale Kieswege schlängelten. Zumindest das hatte sich nicht groß geändert, seit er das letzte Mal hier war. Zu seiner rechten lagen hinter Blumen und Hecken der Haupteingang zum Haus, das Gesindehaus und die Schmiede. Alles sah aus wie damals, als er das Haus seines leiblichen Vaters im Zorn verlassen hatte. Er machte sich nun linkerhand auf den Weg hinters Haus und hielt sich eng an die niedrigen Hecken.
"Mach mal einen Intelligenzwurf." Klacker. "Du bist felsenfest davon überzeugt, dass es eine gute Idee ist, sich hinter kniehohen Hecken verstecken zu wollen, obwohl man dich jederzeit aus den oberen Stockwerken beobachten kann." - "Na toll."
Glücklicherweise war in den oberen Stockwerken niemand wach und Kilwn erreichte den hinteren Garten unbehelligt. Dort war das Arbeitszimmer seines Vaters, das große Fenster, das den ganzen Bereich überblickte. Kilwn spähte hindurch. Die Kiste mit Vaters Wertsachen stand nicht mehr an ihrem alten Ort und auch die Kiste selbst war neuer. Kilwn atmete auf. Auch diese Kiste hatte nur ein einzelnes Schloss, sollte also durchaus zu knacken sein. Aber zunächst brauchte er Werkzeug. Bei seinen übereilten Aufbruch hatte Kilwn keine Zeit gehabt, sich groß umzuziehen. Unter seinem Mantel trug er noch immer die höfische Kleidung der Neidrachs und sein Bündel enthielt neben seinen Waffen nur ein langes Stück Seil mit Wurfhaken. Er schnallte sich den Langdolch auf den Rücken und hoffte inständig, dass er ihn heute nicht benutzen werde müssen. Sein Seil befestigte er am Gürtel. Er fluchte. Sein gutes Einbrecherwerkzeug mit den feinen Dietrichen lag natürlich noch bei der Lady. Nach jedem nächtlichen Streifzug hatte er die lederne Mappe wieder abgeben müssen. Sie jetzt holen zu gehen stand ausser Frage. Er überlegte.
"Auf der anderen Seite steht ja die Schmiede, dort finde ich doch bestimmt Werkzeug." - "Schon möglich." - "Erreiche ich die besser übers Dach oder durch den Stall?" - "Das ist deine Entscheidung."
Kilwn huschte hinüber zum Gesindehaus und spähte durch ein Fenster. Die Mädge, deren Kinder und der Schmied saßen beim Frühstück. Ein seltsames Gefühl überkam ihn, während er sich erinnerte: damals hatte auch er an diesem Tische gesessen. Er wusste nicht, wie groß das Gesinde war, aber es hielt es für unwahrscheinlich, dass jemand das Frühstück verpasste. So machte er sich geschwind auf den Weg durch den Stall. Er huschte vorsichtig an den Ställen vorbei. Hier und da streckte sich ihm ein Nüstern vertraulich entgegen. Dass die Tiere ihn noch kannten... Durch die schwere Holztüre erreichte er die Schmiede. Diese bestand eigentlich nur aus einem Vordach, unter dem Esse, Amboss und Werkbank untergebracht waren. Kilwn begann zu suchen. Einen kleinen Hammer hatte er schnell gefunden. Von einer Rolle zwackte er sich ein langes Stück Draht ab. Jetzt brauchte er noch ein flaches Stück Metall. Er fand eine Schachtel mit langen Bolzen und steckte einen ein. Aber für das Schloss bräuchte er etwas flacheres. Wie eine Haarklammer.
"Wo finde ich denn in dem Haus eine Haarklammer? Hatten die Mägde hochgestecktes Haar?" - "Die Mägde hatten Kopftücher auf." - "Du verarschst mich doch! Jede einzelne?"
Kilwn beschloss, es trotzdem im Schlaufraum der Mädchen zu versuchen. Er huschte wieder in den Stall zurück. Kaum hatte er die Tür zur Schmiede hinter sich geschlossen, trat der Gärtner in den Stall und begann dort seine Stiefel anzuziehen. Kilwn, eng an ein Pferd geschmiegt, wartete. Doch der Gärtner machte keine Anstalten, seinen Schemel zu verlassen. Jetzt inspizierte er Schere und Schaufel, mit einer Gründlichkeit als ob das Schicksal der Welt dran hinge, ob heute zuerst gejätet oder geschnitten würde. Kilwn blickte zum Dachstuhl. Hinausklettern konnte er aus diesem Stall wohl nicht. Er blickte zurück zur Tür von der er gekommen war. Flink huschte er wieder hinaus in die Schmiede und beeilte sich, von dort aufs Dach zu kommen. Keine Sekunde zu früh, denn unter ihm hörte er, wie gerade die Tür des Gesindehauses ins Schloss fiel. Mit schweren Schritten begann unten im Hof der Geselle sich an der Schmiede zu schaffen zu machen.
Mit vorsichtigen Schritten näherte Kilwn sich nun dem Dachfenster des Frauenschlafzimmers. Es war zum Lüften geöffnet - ausgezeichnet. Kilwn befestigte das Wurfseil an einem Dachstuhl und schlüpfte durch den Fensterspalt ins Zimmer. Behände seilte er sich ab: "Mentale Notiz: Unbedingt noch Handschuhe besorgen." Mit einem reflexartigen Schritt wich er einem Nachttopf aus, der unter dem Fenster platziert war und schaute sich im Zimmer um. Eine Haarklammer lag wie für ihn gedacht direkt auf einem Tischchen neben einer großen Büchse. Er steckte die Klammer ein und griff neugierig nach dem Behältnis. Der Deckel klemmte. Er ruckte stärker daran. Mit einem Scheppern löste sich der Deckel und flog ihm aus der Hand. Der Inhalt der Büchse - noch mehr Haarklammern - flog durchs Zimmer. Kilwn unterdrückte einen Fluch und stellte die Büchse wieder zurück. Die Stimmen im Nebenzimmer wurden lauter. Kilwn sah es an der Zeit, zu verschwinden.
Wieder auf dem Dach stellte er fest, dass der Gärtner mittlerweile seine Arbeit aufgenommen hatte und an den Hecken herumschnippelte. Ob er da ungesehen vorbei kam? Er betrachtet die Hausfassade. Direkt auf seiner Höhe und vom Dach des Gesindehauses erreichbar lag ein Fenster. Es war geschlossen. Kilwn rüttelte vorsichtig am Rahmen. So würde er sicher nicht ins Haus kommen. Unter ihm öffnete sich die Tür zum Haupthaus und eine junge Frau schritt durch den Garten und verschwand unter ihm im Gesindehaus. Wie eine Einladung lies sie die Tür zum Haupthaus ein Stück offen stehen. Mehr als diese Aufforderung brauchte Kilwn nicht. Schnell war er vom Dach herunter geklettert und verschwand geräuschlos im Haus.
"Und der Gärtner hat mich echt nicht gesehen?" - "Du bist ein professioneller Einbrecher. Mensch, hab doch mal ein bisschen vertrauen in deine Fähigkeiten!"
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